Idee und Entstehung
"Der kleine Parthenon" ist auf den ersten Blick eine reine Familiengeschichte. Der Weg führt von einer dysfunktionalen dreiköpfigen Familie traditionellen Zuschnitts (Vater-Mutter-Sohn) zu einer neuen Form, die nicht traditionell, dafür aber authentisch und von Liebe getragen ist. Die Geschichte einer Erlösung!
Unter diesem Plot breitet sich aber ein archaischer Raum aus. Was in dem Buch nachhaltige Spuren hinterlassen hat, ist meine Beschäftigung mit dem Mythos im allgemeinen und dem Elektra-Stoff im besonderen im Rahmen meiner literatur- und medienwissenschaftlichen Lizentiatsarbeit. Mythen verdanken ihr zeitliches Überdauern ihrem unverwechselbaren und einprägsamen lapidaren Kern, und der hat es in sich. Was erzählt wird, ist zumeist heftig, schonungslos und häufig grausam. Wir haben manches davon überwunden, aber diese archaischen Geschichten sind damit nicht aus der Welt, sondern unvermindert wirkmächtig. "Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch" – Sophokles' Befund gilt immer noch. Meine Frage war, was geschieht, wenn eine moderne, scheinbar intakte Familie mit diesem ihrem eigenen Ungeheuren konfrontiert wird.
Was nun ein Roman geworden ist, war ursprünglich ein Drama, ein Familiendrama, wie auch die griechischen Tragödien allesamt Familiendramen sind. Das Stück mit seinen fünf Akten spielte in fünf verschiedenen Räumen im Witznacher Pfarrhaus, wo das heftige Geschehen auf den nüchternen Protestantismus treffen sollte. Das Konzept erwies sich bald als allzu konstruiert und formal schwerfällig. Viel spannender erschien mir die Idee, das Theater mitsamt seinen antiken kultischen Wurzeln selbst zum Thema zu machen und der christlichen (katholischen und protestantischen) Welt gegenüberzustellen. So entstand ein semantischer Raum aus Kirchen, Tempeln und Theatern und eine Handlungsachse, die an ihren Enden katholisch ist (Lourdes und Aachen) und in ihrem Zentrum protestantisch (Witznach). So etwas liess sich nur in Form einer Erzählung unter Dach und Fach bringen.
Diese Erzählung ist nicht autobiographisch, selbst wenn sie auf reale Erlebnisse meiner selbst zurückgreift. Sie ist, wie ihre Figuren auch, eine Synthese. Sie ist zudem kein religiöses Werk, sondern eine Erzählung über das Religiöse, Mythische und Kultische. Ihre Wurzeln liegen in der Antike, ihr theoretischer Hintergrund hat viel mit dem Philosophen Hans Blumenberg zu tun, und wer sich mit Sören Kierkegaard auskennt, wird auch fündig werden.